Über mich

Von jeher haben sie eine Faszination auf mich ausgeübt: alte Fotoalben. Schon als Jugendliche durchblätterte ich immer wieder gern die Seiten mit den Schwarzweißfotos, die meine Mutter 1948 mit langen Zöpfen, meine Oma 1928 im damals modischen knielangen Hochzeitskleid oder meinen Urgroßvater um 1900 mit seinem fünfköpfigen Nachwuchs zeigten. Eine untergegangene, fremde Welt, die aber doch irgendwie zu mir gehört.

Nicht nur Bilder entführten mich in das Leben meiner Vorfahren. Da waren Briefe und Tagebücher, alte Urkunden und vieles mehr. Und natürlich die Erzählungen, vor allem meiner Eltern, über die alten Zeiten vor dem Krieg, wie dieser alles änderte, wie sie und ihre Eltern sich später ein neues Leben aufbauten. Besonders angetan hatte es mir mein Urgroßvater Friedrich Richter, der 1881 mit 23 Jahren seine westfälische Heimat verließ und sechs Jahre als Hauslehrer und Pastor auf den Hawaiischen Inseln wirkte. Gebannt las ich in seinen erhaltenen Tagebüchern und Briefen über seine vierwöchige Reise um den halben Globus, seine Teilnahme am Ball des hawaiianischen Königs und von seiner unerfüllten Hoffnung, seine in Deutschland verbliebene Verlobte in die Fremde nachzuholen. Die Kirche in Lihue, die er damals für seine deutsche Emigrantengemeinde errichten ließ, gibt es noch heute.

Es waren die Neugier auf frühere Zeiten und die Sehnsucht nach Familie, die ich selbst kaum hatte, was mich daran faszinierte. Beruflich ging ich erst mal andere Wege, studierte Sprachen, begeisterte mich für fremde Kulturen. Später verband ich mein Interesse an anderen räumlichen Welten mit dem an anderen Zeiten und studierte Geschichte, Ethnologie und Osteuropäische Geschichte an der Universität Göttingen. Für eine Hausarbeit untersuchte ich die Feldpostbriefe eines Großonkels von mir, der im Ersten Weltkrieg an der Ostfront eingesetzt war. Diese erschien 2005 als Aufsatz in dem Sammelband „Verführungen der Gewalt. Russen und Deutsche im Ersten und Zweiten Weltkrieg“.

Dann hatte ich Gelegenheit, meine historischen und interkulturellen Interessen mit meinem Einstieg in den Journalismus zu verbinden. Zwei Jahre arbeitete ich bei einer deutsch-polnischen Zeitung in Schlesien, entdeckte meine Freude am Schreiben und näherte mich zugleich der polnischen Kultur und der deutsch-polnischen Geschichte der Region an, aus der die Familie meiner Mutter stammte.

Mit der Heirat 2004 und der Familiengründung ein knappes Jahr später in Kanada, wohin es meinen Mann und mich beruflich verschlagen hatte, rückte die Vergangenheit wieder in den Hintergrund. Ich konzentrierte mich auf das Jetzt, schließlich galt es, eine neue Generation heranzuziehen. Meine Arbeit am Calgary Multicultural Centre ließ mich jedoch intensive interkulturelle Erfahrungen sammeln in der Begegnung mit Menschen aus aller Welt, und ich schrieb auch darüber.

Nach unserer Rückkehr nach Deutschland verschlug es uns in ein kleines Nest zwischen Potsdam und Berlin, in dem ich mit zwei dunklen Kapiteln deutscher Geschichte konfrontiert wurde. Über 40 Jahre lang lief die deutsch-deutsche Grenze durch den Ort, und fast drei Jahrzehnte blickten die Einwohner statt auf den wunderschönen See vor ihrer Haustür auf die Mauer. An eben diesem See hatten in den 1920er Jahren wohlhabende Berliner Juden Wochenendhäuser gebaut. Während der NS-Zeit emigrierten sie oder wurden ermordet. Gemeinsam mit einem kleinen Kreis von Interessierten spürte ich ihren Schicksalen nach und recherchierte unter anderem zur Geschichte des einstigen Sommerhauses des jüdischen Berliner Arztes Alfred Alexander und dessen Familie. Die Kontaktaufnahme zu dessen Enkel Thomas Harding in England führte letztendlich dazu, dass das Haus vor weiterem Verfall und drohendem Abriss gerettet wurde und dort dank des Engagements von Harding sowie lokaler Anwohner und Behörden die Bildungs- und Begegnungsstätte Alexander-Haus entstanden ist.

Seit 2014 lebe ich in der Lüneburger Heide. Hier fand ich für einige Jahre zum Journalismus zurück und berichtete über die Region. Dabei zeigte sich bald, dass es mir besondere Freude machte, Menschen zu porträtieren. Zugleich entdeckte ich meine Familiengeschichte wieder. Der ungewöhnliche Schritt meines Vaters, die Nachfahren eines französischen Offiziers zu kontaktieren, dessen Tod im Ersten Weltkrieg mein Großvater mit zu verantworten hatte, brachte mich dazu, über das Leben dieses Großvaters zu recherchieren und seine Biografie zu schreiben. Parallel dazu übersetzte und bearbeitete ich auch Texte, die Francois Leroux, der Enkel des getöteten Franzosen, über seinen Großvater und dessen Familie verfasst hatte. Daraus entstand die deutsch-französische Doppelbiografie „Jenseits der Gräben“, die dieses Jahr (2019) erschienen ist.